AUSSERIRDISCHER
Artikel von Lika Belotserkovsky, erschienen in „Vesti-Jerusalem“ vom 19.02.2004
Sollten Sie eines Tages einem Außerirdischem auf der Straße begegnen, werden Sie weder an
seiner Art zu gehen, zu reden, noch an der Hautfarbe oder Augenform erkennen können, wie
sein Planet aussieht. Etwas wird man vermuten, erraten, aber mehr nicht.
So fühlte ich mich nach der Entscheidung, über die Malerei von Victor Shtivelberg zu schreiben.
Man spricht über die unnachahmbare Farbgebung, über die Gestalten, die gleichzeitig
surrealistisch und gegenwärtig sind; über unerwartete Lösungen in Komposition und noch nie
gesehene Formen - aber die Frage wird man sich immer stellen - woher? Aus welchen Tiefen des
Unterbewusstseins ist es aufgekommen?
Einiges werde ich entschlüsseln können, Vieles wird jenseits der Grenze zu den traumähnlichen
Gestalten bleiben. So entstehen eines Tages die Bilder - aus Visionen zwischen Wachsein und
Traum: ungewöhnlich, fantasievoll und sehr persönlich.
Nun zurück zur Quelle. Der Maler Victor Shtivelberg ist in Odessa geboren. In dem sonnigen
und farbenprächtigen Odessa, offen für Alles: europäisch, jüdisch, sehr apart und allumfassend.
Alle wirklich prägenden Kulturen entspringen aus einer tiefen Quelle. Odessa lebte vor der
Perestroika ein sehr spannendes kulturelles Leben mit philosophischen Diskussionen und
kreativer Suche. In den Ateliers anerkannter Meister lernte man nicht nur Malerei, sondern das
Leben selbst. In Victors Atelier war demokratischer Geist. Dort kamen Freunde und
Gleichgesinnte zusammen, um die schwierige Rolle der Kunstmaler in der Welt, den Sinn und
die Bestimmung des künstlerischen Schöpfens zu definieren und bewusst zu machen. Seit dieser
Zeit gilt für Victor der wichtige Glaubenssatz: Kunst ist kein Selbstziel. Die Malerei ist sekundär
im Bezug auf die geistigen Prozesse, welche das Essentielle beinhalten. Es gibt die Meinung,
dass solche Prozesse existieren, unabhängig und die kreative Schöpfung nicht beeinflussend.
Aber in Wirklichkeit arbeitet das philosophische Konzept im Unterbewusstsein und bestimmt
das Volumen und das Niveau der Informationen, die der Künstler aufnehmen kann. Das Konzept
durchdringt die Malerei, gibt ihr die Tiefe, macht sie zum Mediator zwischen den verschiedenen
Ebenen.....Welten. Die Bestimmung der Aufgaben des Malers als Mittler ist für Victor heute
noch sehr aktuell. Die Priorität der inneren Entwicklung bedeutet keinerlei „beobachtendes
Nichtstun“. So beschrieb die Journalistin Angelika Stollberg damals sein Atelier in Odessa. Aber
für Victor ist das Haus primär für die Arbeit und dann erst zum Wohnen. Die Werkstatt
ist voll
mit Bildern. Man konnte sich kaum bewegen. Seit der Zeit in Odessa ist die glückliche
Besonderheit seiner Künstlerkarriere erkennbar. Er hatte es nicht nötig, Werbung zu machen
oder Ausstellungen zu organisieren. All das übernahmen die Leute, die von seinem seltenen
Talent inspiriert waren. Die Odessiten erinnern sich noch an seine große Ausstellung vor seiner
Abreise nach Israel. Das war eine Entdeckung, die Entstehung eines neuen Sterns.
Sein Umzug nach Zfat, Stadt der Mystik und Kaballa, war nicht zufällig. Egal, welche Themen
Victor später berührten, der Einfluss dieser Stadt und ihre Ausstrahlung ist tief und immer da,
wenn auch nicht immer deutlich. Die Verbindung mit Zfat ist erhalten, obwohl der Künstler jetzt
in Deutschland lebt; in einer Kleinstadt südlich von Frankfurt am Main. Die Galerie „Or“ in Zfat
präsentiert die größte Sammlung der Werke von Victor Shtivelberg. Im Februar hatten die
Bewohner Jerusalems die Möglichkeit, seine Bilderwelten kennen zu lernen. Die Bilder werden
präsentiert in der modernen und großzügigen Galerie „Bek-Tek“. In dieser Umgebung wirken
selbst seine kleinsten Werke monumental.
Was beeindruckt am meisten? Wahrscheinlich die Farben. Es war kein Zufall, als in Odessa das
Buch über die Farblehre in Vorbereitung war. Victor wurde eingeladen, um es zu illustrieren.
Genauso wie es Menschen mit absolutem Gehör gibt, gibt es Menschen mit absolutem
Farbgefühl. Im Altertum gab es den Ausdruck „Spiele der Götter“. Dieser Ausdruck ist hier sehr
treffend. Das ganze Bild ist in perlmuttweißen und grauen Tönen gehalten und nur diese
Farbpalette scheint dem Maler vertraut. Er fühlt sich frei in der Welt der Farbnuancen, innerhalb
seiner monochromen Farbpalette und möchte diese Welt nicht verlassen. Aber wenn Sie nur
einen Schritt zur Seite gehen, werden sie von smaragdgrün, orange und purpur umgeben. Und
alles ist überzeugend und sehr harmonisch.
Mein Blick bleibt stehen vor dem berühmten Shtivelbergischen Kopf. Ganz oben auf dem
Scheitel kämpft ein Bogen mit dem Kugel-Lot rechts um das Gleichgewicht. Was bedeutet diese
Bogen-Schaukel? Suche nach dem Gleichgewicht? Ja , nach dem inneren, offensichtlich. Die
Symbolik ist einfach und klar ausgedrückt. Ein Großteil des Kopfes ist in kühlen Farbtönen
gehalten. Als Ausgleich dazu ist die Kugel auf dem Bogen in einem warmen Orange. Ginge es
doch nur darum, Probleme auf diese Weise zu lösen. Was gehört zum Ausgleich? Diese Frage
ist eine Überlegung wert.
Victors Werke lassen uns oft nachdenken. Sie begeistern die intellektuelle Jugend gleichermaßen
wie die ernsten Kaballisten.
Auf
einem anderen Bild ist eine große Figur, die aus dem Boden wächst und die Erdstruktur in
sich trägt. Hinter dem Rücken ist ein Meer von Engelflügeln. Alles ist eher verhalten und
unbestimmt. Unten im Bild befinden sich kleine, sitzende Menschen. Die abstrakten Formen
vermitteln dem Betrachter eine gewisse Spannung. Auf den ersten Blick könnten es Schüler mit
ihrem Lehrer sein. Verweilt man jedoch länger - offenbart sich ein ganzheitlicher Mensch,
welcher aus der Erde kommt und dem Wesen nach einem Engel gleicht. Es könnte jetzt der
Eindruck entstehen, dass in der Ausstellung viele intellektuelle Rätsel auf Sie warten. Manchmal
ist dies auch so. Aber Sie werden auch manchmal lächeln und sich freuen wie ein Kind. Es
macht kein Kopfzerbrechen, wenn wir in die Welt unserer kindlichen Phantasie eintauchen.
Dorthin, wo man im Traum und in Wirklichkeit fliegen kann. Victor neigt nicht zur Tiefenanalyse
seiner Bilder. Er ist ein aufrichtiger, spontaner und erstaunlich vielseitiger Künstler. Das Einzige,
wo er unerbittlich konsequent ist, ist seine Freiheitsliebe: in der Kunst und im Leben. Es ist
manchmal schwer zu glauben, dass all die Vielfalt an Richtungen, Entdeckungen und Stile von
einem Künstler stammt.
Ich schlug einmal vor, ein Detail in einem bereits vollendeten Bild umzuarbeiten. Darauf
antwortete Victor, dass er dann das Bild neu malen müsste. Es würde ein neues Werk
entstehen, weil sich seine Sichtweise und seine Einstellung durch meinen Vorschlag geändert
habe. Die vorhandene Vielfalt ist der Querschnitt unseres Bewusstseins.
Ein weiblicher Akt am Fenster. Das Fenster ist klein, im Hintergrund sieht man eine
Stoffdrapierung. Dies erinnert an die Madonnen der Renaissance; klassisch und auch ironisch
wirkend im modernen Bild. Keine Spur von Kitsch, dafür aber die harmonische Ergänzung der
Gestaltenreihe, die die Weltkunst hervorgebracht hat. In dieser Reihe ist Victor Shtivelbergs
Kunst nicht verloren. Sie existiert gerade dort sehr individuell und frei; sie wird genährt durch
Entdeckungen von Klimt, Picasso oder auch Miro, durch armenische und afrikanische Kunst,
durch deutschen Postexpressionismus und odessitische Postmoderne. Wahrscheinlich lässt sich
Victor aber am meisten durch das unmittelbare Geschehen in der Natur inspirieren. Das sagt
zumindest Victor, der größte Abstraktionist und Surrealist, den ich kenne. Seine Kunst ist nicht
sofort zugänglich. Erst nach und nach öffnet sie sich dem nachdenklichen und beobachtenden
Zuschauer: da noch ein Detail, dort noch eine Kleinigkeit. Seien Sie nicht voreilig mit Ihrer
Bewertung. Einige Bilder wirken sehr intellektuell. Plötzlich überkommt den Betrachter ein feines und auch beklemmendes Gefühl
bei einem sehr poetischen Bild.
Ein Thema möchte ich etwas ausführlicher behandeln: die Weiblichkeit....Victor ist der Meinung, dass das Leben eine Frau ist. Und durch eine Frau nimmt er das Leben wahr. In den
verschiedenen Schöpfungsphasen wurden ganz unterschiedliche Frauen zu Victors Inspiration.
Das sind keine Launen und keine Leidenschaft. Es waren vielmehr vollwertige und erfüllte
Lebensabschnitte mit persönlicher Weiterentwicklung. Mir persönlich geht die Schaffensphase in
Odessa mit tiefer Ruhe und Freiheit sehr nah. Leider sind aus dieser Zeit nur einige wenige Bilder geblieben- die letzten Aquarelle aus Odessa Zeit sind leider verkauft. Sie waren genauso
beeindruckend, wie die Ölbilder aus dieser Zeit.
Israel brachte Spannung und gewaltige Dynamik, sowohl in seiner Farbpalette als auch in seiner Weltwahrnehmung. Jetzt werden in Deutschland die Brücken in die Vergangenheit gebaut und die Aussichten für die Zukunft erweitert. Es ist die Wiedergeburt des „Göttlichen Funken“, aber mit der gesamten Kraft, die in seinen Bildern spürbar ist. Die Kraft, die in Israel dominierte. Das ist jedoch nicht verwunderlich. Die Sonne über Israel fordert die entsprechende Energie in der Malerei. Obwohl Odessa sonnenverwöhnt ist, dauerte es fast 2 Jahre, bis sich Victor der starken Lichteinstrahlung angepasst hatte und die Wege fand, diese Lichtfluten zu vermitteln. Trotz der plakativen Darstellung seiner Welten ist Victor eng verbunden mit der Realität. Deswegen sind seine Phantasiewelten so überzeugend.
Bislang habe ich überwiegend seine Ölbilder erwähnt. Es gibt aber auch die einmalige Welt
seiner Aquarelle: so leicht und lebendig. So leuchtend wie die Bilder sind, ähneln sie der
Seidenmalerei. Ich kenne keinen anderen Maler, bei dem die Aquarelle leuchten wie Gold, ohne
jegliche sichtbare Effekte. Manche sind malerisch, andere eher grafisch mit japanischer Präzision
in der Linienführung. Man sagt, dass Besucher einer Ausstellung in Yokohama seine Aquarelle
mit denen von chinesischen Meistern verglichen - sehr individuell und gleichzeitig auch
traditionell.
Ich erinnere mich an einen Kunstsammler, der sich nicht zwischen zwei Bildern nicht entscheiden konnte. „ Das ist das Bild eines Europäers, der sich mit japanischer Kunst auskennt und das ist ein Bild eines Japaners“. Ich habe beide Bilder vor Augen. Eines wurde in die USA verkauft. Das andere stellte eine Landschaft mit Tannen dar, sehr sparsam und doch sehr anziehend. Das Geheimnis liegt in seiner Originalität und Einmaligkeit. Einer Kopie, sogar einer sehr guten, liegt immer eine Absicht zugrunde. Ein Original ist eine ehrliche und unmittelbare Wiedergabe der eigenen Wahrnehmung. Das Japanische im Bild bestätigt die Genauigkeit der Wiedergabe.
An dieser Stelle möchte ich die Pastelle erwähnen und ein wichtiges Thema:
die Vögel und der Käfig, die Vögel und der Mensch. Die Vögel symbolisieren meistens den
Künstler selbst, und ein komischer Mensch mit Flügelarmen steht für die Welt, die überall die
Netze ausbreitet und die Käfige bereithält. Manchmal sind sie Freunde und spielen zusammen,
ab und zu tauschen sie die Rollen, aber die Sympathie der Zuschauer bleibt meistens auf der
Seite der Vögel. Die Vögel betrachten die 'Menschen-Riesen' einmal mit feiner Ironie, einmal
mitfühlend und einmal einfach mit Neugier. Ihnen ist sichtlich unverständlich, warum die
Menschen sie fangen und einsperren wollen. Sie sehen klein aus, sind aber wesentlich stärker in
ihrer Hingabe an die Freiheit als ihre Verfolger. Die Freiheit ist selbstverständlich für die Vögel,
sie müssen dafür nicht kämpfen. Die Freiheit ist für den Künstler lebenswichtig, deshalb sind die
Vögeldarstellungen so vielfältig. Und auch hier gilt das immer gültige Gesetz: hat man seine
persönliche Bestimmung erkannt, so ist man mit dem kosmischen Wissen verbunden und hat
den Zugang zu seinem Archetypen. Für manche steht der freier Vogel für den Prozess der
Schöpfung, für andere ist er die mit Gott vereinigte Seele. Die Vögel vereinen in sich die
kindliche Einfachheit, Wohlwollen und das absolute Entsagen unserer materiellen Welt. Das
macht sie unverwundbar gegenüber der Welt. Sie halten Abstand zu den Menschen und tief im
Herzen empfinden
sie großes Mitgefühl für sie. Shtivelbergs Vögel sind nicht von dieser Welt.
Und nun noch ein Wort über die Lieblings-Technik des Malers: “Gouache“. Die edle, samtige
Oberfläche der Bilder entspricht am meisten der Persönlichkeit des Künstlers.
Ich habe Ihnen viel von Victor beschrieben und trotzdem war es nur ein kurzer Überblick. Es
gibt viel mehr zu entdecken: ich habe erst angefangen, die geheimen Türen zu öffnen. Die
Radfahrer, fliegend ohne die Pedale zu berühren, als Symbol für ewige Bewegung… Und die
Tanz-Dialoge mit der Welt, dem Schicksal, Gott, der Frau, mit sich selbst… Die komischen
Köpfe mit nach innen gerichtetem Blick…Die geliebte Stadt-Zfat, einmal realistischer, einmal
symbolischer; immer anders und immer unverkennbar…Die komplexe Beziehung Mann-Frau:
einmal zusammen und trotzdem getrennt, einmal ganz tief vereint…Und zum Schluß: der ewige
Weg nach Oben, zur Erkenntnis, zu sich selbst.
Ich kann nicht alle allgemeinen Themen aufzählen, und schon gar nicht die symbolischen Ebenen und Schichten jedes Bildes erleuchten. Wir wissen nicht, was uns die Zukunft bringt, welche Türen sich öffnen werden.Ich habe auch nicht erwähnt, wie ein Bild entsteht und auf welche Weise es Gestalt annimmt. Man kann Vieles erzählen, ohne das Wichtigste zu berühren. Nicht weil es geheim ist, sondern weil es unaussprechlich ist. Wenn man die Malerei und jede andere Kunst erklären könnte, sie würde als Kunst sterben.Man muß die Kunst sehen. Die Fragen „warum?“ beantwortet Victor am besten in seinem Essay über den Schöpfungsprozess:
„Künstlerische Schöpfung lässt sich schwer beschreiben, aber derjenige, der mindestens einmal
im seinem Leben von diesem Zustand berührt wurde, benötigt keine Worte.
Künstlerische Schöpfung ist die Suche nach Harmonie zwischen dem Menschen und der Welt,
zwischen der Idee und ihrer Verwirklichung, zwischen der Komposition und der Technik,
zwischen der Linie und der Farbe. Und so setzt es sich in Allem fort......
Ein Künstler ist nicht die Person, die malt, komponiert oder dichtet. Ein Künstler sieht und fühlt
die Welt anders.
Der Mensch ist nach „Gottes Abbild“ geschaffen. Seine Fähigkeit zum kreativen Gestalten, zur
Schöpfung ist seine Haupteigenschaft und das Ziel seines Aufenthaltes in dieser Welt.
Ein Maler (Künstler) ist nur Mediator und nicht Schöpfer seiner Werke. Meine Arbeit gelingt mir am besten, wenn ich mich ganz dieser kreativen Energie hingebe. Ich werde dann zum Beobachter. Plötzlich fange ich an, eine Linie, einen Punkt oder einen Fleck auf der Leinwand oder dem Papier zu sehen und umreiße sie; dann suche ich einen Ausgleich für sie. Irgendwo erscheint eine Farbe und möchte durch eine
weitere ergänzt werden. Ich greife nicht ein, sondern trage das auf, was auf der Fläche sein soll; und nur dann, wenn nichts mehr ergänzt werden kann, ist das Bild vollendet. In diesem Zustand wird nichts verändert oder verbessert; alles geschieht von allein und ohne Anstrengung. Ich verbrauche nur Kraft, um diesen besonderen Zustand aufrecht zu erhalten, welchen man als „Singen der Seele“ oder als „Stilles Entzücken“ beschreiben kann. Für mich sind das die kostbarsten Augenblicke. Das ist der „Gipfel der Leidenschaft“; dieser Zustand ist auch in unserem Alltag mehr oder weniger vorhanden. Das ist der „Göttliche Funke“, der jedem Menschen innewohnt und es hängt von jedem einzelnen ab, wie stark er den Lebensweg erhellt. Bei den meisten Menschen ist dieser „Funke“ kaum sichtbar, fast erloschen. Die Arbeit, der Kampf für das Entfachen des Feuers - das ist Schöpfung“.